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Tobias Haase, Filippo Smerilli: „Ihr seid viel stärker, als ihr denkt!“

ab 9,50 €

inkl. MwSt., zzgl. Versand

Beschreibung

Tobias Haase / Filippo Smerilli (Hrsg.)

„Ihr seid viel stärker, als ihr denkt!“

Texte zu positiven Aspekten des Stotterns

Demosthenes Verlag, Köln, 2019, 146 Seiten

Normalpreis: 12,50 € | BVSS-Mitglieder: 9,50 €

ISBN 978-3-921897-90-4


Stottern ist nicht selbstverständlich. Das Wiederholen, Dehnen und Blockieren von Lauten, Silben oder Wörtern stört den reibungslosen Ablauf mündlicher Kommunikation und irritiert. Daraus resultieren bei stotternden Menschen in vielen Fällen negative Gefühle. Angst, Schuldempfinden, Wut und Scham begleiten das Stottern und beeinträchtigen das Leben vieler Betroffener stark. In dem Wissen, dass Stottern oftmals als Defizit erfahren wird, versuchen alle Beiträge dieses Buchs trotzdem einmal probeweise einen vollkommen anderen Blick darauf zu werfen. Sie zeigen: Wenn stotternde Menschen es schaffen, sich den ‚kleinen-großen‘ Herausforderungen des Alltags zu stellen; wenn sie es schaffen, die eigene Redeunflüssigkeit ohne fortdauernde Selbstanklagen und andauernde Frustration in das eigene Leben zu integrieren, dann kann sich die Perspektive auf das Stottern grundlegend verändern. Die Texte stammen mit einer Ausnahme ausschließlich von Betroffenen, also von ExpertInnen in eigener Sache. Manche von ihnen sind zudem Fachleute, die als SprechtherapeutInnen arbeiten. Mut in der Auseinandersetzung mit der Sprechbehinderung Stottern ist ihnen allen gemeinsam.

- Eine andere Sichtweise auf das Stottern -


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INHALTSVERZEICHNIS

008 - Martin Sommer: Vorwort
011 - Filippo Smerilli: Einleitung
017 - TEXTE
018 - Nina Mägerle: Stottern und schöne Momente – (un)vereinbar?
023 - Susanne Grebe-Deppe: „Mit mir macht das Leben einen Unterschied. Und das ist gut so.“
– Systemische Fragen an das Stottern von S.
031 - Dorothea Beckmann: Mein Stottern – Gegner oder Verbündeter?
037 - Steffen Paschke: Mein Stottern und das Lob der Toleranz
044 - Ulrike Felsing: Perspektivwechsel Stottern
052 - Teresa Niedermeier: Warum mein Stottern keine (Erfolgs-)Geschichte gewesen sein wird
060 - Marion Stelter: Vom Sprung in der Schüssel zur Frucht am Baum
063 - Simon Dworaczek: Genau wie alle anderen auch
067 - Ina Schröder: Die einen so, die anderen anders
074 - Petra Şaşmaz: Die Semantik des Stotterns
081 - Wolfgang Kölle: Ich bin, wie ich bin, auch durch mein Stottern, und das ist gut so!
086 - Filippo Smerilli: Laute
091 - Jochen Praefcke: Der Gedanke
097 - Wolfgang Wendlandt, Yi-Ji Lu, Friedemann Ohm, Nikolas Scheuer, Agatha Schütz:
Schatten oder Licht? Das ist hier die Frage ... – Sichtweisen auf das Stottern
111 - INTERVIEWS
112 - Filippo Smerilli: „Wenn man an sich als Stotterer arbeitet, dann arbeitet man auch an sich selbst als Mensch.“ Interview mit Frederick Kukla
119 - Filippo Smerilli: „Ihr seid viel stärker, als ihr denkt!“ Interview mit Tilo Müller
127 - Tobias Haase: „Mit zwölf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich diese Person werden könnte, die ich heute bin.“ Interview mit Martin Seefeld
132 - Tobias Haase: „Es lohnt sich immer, für seine Ziele zu kämpfen.“ Interview mit Josephine Wolters
136 - DIE MITWIRKENDEN
136 - Illustratorin
136 - Autor_innen und Interviewpartner_innen


Vorwort

Was soll denn am Stottern positiv sein?
Positives möchte man gerne behalten. Unser Stottern aber wollten wir doch immer loswerden, sei es durch Therapie, Selbsthilfe oder sonst wie.
Am Anfang steht häufig der Leidensdruck, man will Veränderung und sucht nach Möglichkeiten, den Leidensdruck zu vermindern.

Wer dann zur Stotterer-Selbsthilfe kommt oder eine Stottertherapie beginnt, stellt bei sich möglicherweise einen Wandel fest. Denn es geht gar nicht so sehr darum das Stottern los zu werden, sondern darum, Wege zu finden mit dem Stottern zu leben. In der Therapie lernt man sein Stottern genauer kennen und durch Techniken den Kontrollverlust zu lindern. In der Stotterer-Selbsthilfe erfährt man wie andere Stotternde mit ihrem Stottern umgehen und das Stottern kein Hinderungsgrund sein muss etwas zu tun.

Die Akzeptanz des Stotterns wird immer selbstverständlicher, aber kann sie auch soweit gehen, daraus positive Aspekte zu gewinnen? Der Schriftsteller David Mitchell schlägt in seiner Rede auf dem 10. Weltkongress der Stotterer-Selbsthilfe 2013 in den Niederlanden einen Bogen von negativen hin zu positiven Sichtweisen des Stotterns, wenn er sagt: Stottern ist eine Herausforderung, eine Brücke, ein Geschenk.
Auch der verstorbene Theater-Regisseur, Schauspieler und Schriftsteller Einar Schleef spricht in dem Buch Wenn ich fließend sprechen könnte aus dem Jahr 1999 vom „Geschenk des Stotterns“ und führt weiter aus: „Jedes Minus ist ein Plus, man muss es nur verwandeln können, in sich die Antwort suchen […]. Ich bin bevorzugt.“

Wir, die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe, wollten wissen wie Betroffene ihr eigenes Stottern bewerten, ob auch sie positive Aspekte benennen können. Ja, sie können.
Mit diesem Buch ist erstmalig eine Sammlung ganz persönlicher positiver Sichtweisen auf das Stottern entstanden, die Stotternden Mut macht und negative Bewertungen des eigenen Stotterns verändern kann.
„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, kann ein typischer Aha-Effekt beim Lesen einzelner Textbeiträge sein.
Manchmal steckt der Knoten im Kopf und nicht im Sprechen.

Ich bedanke mich bei allen, die mitgemacht haben und freue mich, wenn dieses Buch neue Sichtweisen eröffnet. In diesem Sinne wünsche ich den Lesern und Leserinnen eine inspirierende Lektüre.

Prof. Dr. Martin Sommer
Vorsitzender der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. (BVSS)


Einleitung

Filippo Smerilli

„Stottern ist ein ausdrucksstarkes Phänomen. […] Stottern lässt keinen kalt – den Sprecher nicht und auch nicht den Zuhörer.“1 Mit diesen Worten charakterisiert der Psychologe, Mitbegründer der Selbsthilfe für stotternde Menschen in Deutschland und langjährige Stottertherapeut Wolfgang Wendlandt treffend die doppelseitige Wirkung der gestörten kommunikativen Interaktion beim Stottern. Ganz und gar nicht ‚kalt‘ lässt das Stottern dabei in der Regel insbesondere die Betroffenen selbst. Vielmehr begleitet eine innere, nicht sichtbare emotionale Symptomatik die verschiedenen äußeren, sicht- und hörbaren Symptome: das Verlängern, Blockieren oder Wiederholen von Wörtern, Silben oder Lauten; das Verkrampfen und Zittern der Sprech- oder anderer Muskulatur; die unkontrollierten Mitbewegungen von z.B. Kopf, Armen, Beinen usw. Im Normalfall dominieren negative Gefühle die Einstellung gegenüber der sich derart äußernden eigenen Behinderung, jedenfalls solange die Redefluss-Störung und ihre Begleitsymptome nicht bearbeitet wurden, z.B. im Rahmen einer seriösen logopädischen Therapie. Am häufigsten von den Betroffenen genannt wird als ein das Stottern begleitendes Gefühl die „Angst“, die sich bis zur „Panik“ steigern kann; andere mit dem Stottern verbundene typische Gefühle sind „Scham“, „Verlegenheit“, „Schuld“, „Frustration“ und „Aggression“; und zuletzt beeinflusst das Stottern bzw. der Umgang der Betroffenen mit dieser Sprechunflüssigkeit oft die Wahrnehmung der eigenen Identität und bedingt ein „negatives Selbstbild“2.

Vor diesem Hintergrund erscheint es als ein zumindest mutiges, wenn nicht arg gewagtes Unterfangen, ein Buch zu positiven Aspekten des Stotterns herauszugeben. Deshalb sei gleich zu Beginn betont: Das Leiden am Stottern, das häufig und zumindest phasenweise stark ausgeprägte Unglück der Betroffenen ist uns als Herausgebern sehr wohl bekannt. Wir stottern beide selbst und haben unseren eigenen Weg im Umgang mit unserer Sprechbehinderung erst in langen Jahren finden müssen – wir sind wie viele andere stotternde Menschen sogar immer wieder dabei, ihn neu zu finden. Und doch hat uns gerade auf der Grundlage unserer eigenen Erfahrungen mit negativen Gefühlen dem Stottern gegenüber der Versuch interessiert, im Rahmen dieses Buchs einmal einen vollkommen anderen Blick auf die normalerweise als Defizit betrachtete und erfahrene Beeinträchtigung des Sprechens zu probieren. Gerade das Gewagte des beabsichtigten Perspektivwechsels hatte uns gereizt, als Michael Kofort vom Demosthenes-Verlag der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe das Thema vorschlug.

Eine der herausforderndsten und zugleich wichtigsten Aufgaben im Umgang mit dem eigenen Stottern ist unserer Erfahrung und unseres Wissens nach, dass es auf irgendeine Weise gelingt, eine versöhnliche Haltung gegenüber der eigenen Symptomatik und Beeinträchtigung zu entwickeln. Solange ich mich für meine Wiederholungen, Verzögerungen oder Blockaden schäme, mir die Schuld für sie gebe, mich vielleicht sogar dafür hasse, werde ich dem Stottern unmöglich etwas Positives abgewinnen können. Aber ist das deshalb prinzipiell unmöglich?

Wir denken, dass das nicht so ist, und zwar obwohl Stottern geradezu zwangsläufig das Leben der davon betroffenen Menschen prägt und zweifellos schwieriger macht. Denn was wäre unser Alltag ohne sprachliche Kommunikation? Sei es in der Schule, im Studium, im Beruf oder im Privatleben; beim Einkaufen, im Café, in der Mensa oder am Bahnhof: Ohne zu sprechen, ist unser Alltag nur unter großen Schwierigkeiten zu bewältigen. Als stotternder Mensch begegnet man jeden Tag gerade beim Sprechen unzähligen kleinen Herausforderungen, die oft mit starken Gefühlen einhergehen. Sei es beim Bestellen eines Essens, beim Kauf einer Fahrkarte oder beim Ansprechen einer sympathischen Person – immer stellt sich die Frage: Spreche und stottere oder vermeide ich? Damit verbunden sind andere Fragen: Bleibe ich hungrig oder nehme ich ggf. Spott in Kauf? Ertrage ich es, wenn ich nicht freundliche, sondern einmal mehr irritierte Blicke ernte? Stelle ich mich meiner Angst oder vermeide ich die Konfrontation mit ihr und ihrem Auslöser? Riskiere ich einmal mehr die Alternative Gelingen oder ‚Versagen‘? …

Charles Van Riper, selbst Betroffener und einer der bis heute wichtigsten Stottertherapeuten des 20. Jahrhunderts, hat das Unglück stotternder Menschen einmal folgendermaßen beschrieben: „[D]ie Schwierigkeit des Stotterers ist, leicht und ohne Abnormität zu kommunizieren. Das ist die Hauptquelle seines Unglücks. Er hungert nach erfolgreicher Kommunikation; er dürstet nach einer Sprechweise, die nicht durch die Frustration zeitweilig gebrochener Wörter, Silben und Laute gefärbt ist. Er leidet an dem Mangel an flüssigem Sprechen.“3 Dieses durch die Unmöglichkeit, spontan bzw. willentlich flüssig zu sprechen, bedingte Unglück stotternder Mensch entsteht natürlich nicht aus dem Nichts. Wesentlichen Anteil an seiner Entstehung haben Diskriminierungserfahrungen, deren Ausgangspunkt in den meisten Fällen Vorurteile gegenüber dem Stottern sind. Noch immer ist diese nach derzeitigem Stand der Wissenschaft primär „körperlich bedingte Sprechbehinderung“4 überlagert mit Stereotypen. Stotternden Menschen unterstellt man gemeinhin zum Beispiel nach wie vor einen psychischen Defekt als Ursache ihrer Sprechunflüssigkeit. Man setzt voraus, sie seien besonders unsicher und nervös oder gar weniger intelligent als andere Menschen oder gekennzeichnet durch irgendeine andere psychische Anomalie 5. Auf die Konfrontation mit solchen Vorurteilen bzw. mit auf diesen basierenden Diskriminierungen reagieren viele Betroffene, indem sie Gespräche und sprachliche Interaktionen aller Art vermeiden. Der Grad des Vermeidens steigert sich gelegentlich bis hin zu einem umfassenden kommunikativen Rückzug, aus dem weitgehende soziale Isolation resultieren kann. Das sind für stotternde Menschen wesentliche Anlässe und konkrete Ursachen für ihr Leiden vor, während und nach jeder alltäglichen Kommunikation. Doch wenn Betroffene es schaffen, sich den kleinen-großen Herausforderungen des Alltags zu stellen; wenn sie es schaffen, das eigene Stottern ohne fortdauernde Selbstanklagen und andauernde Frustration in das eigene Leben zu integrieren; wenn sie es schaffen, sich den mal implizit, mal explizit von Kommunikationspartner_in-nen vermittelten Stereotypen zu stellen und sich gegen sie zu wehren, dann kann sich die Perspektive auf das Stottern grundlegend verändern. Das zeigen alle in dieses Buch aufgenommenen Beiträge.

Wichtig war uns von Anfang an, den Autor_innen zu vermitteln, dass uns durchaus auch Beiträge interessieren, die mit positiven Aspekten des Stotterns einhergehende Ambivalenzen und Brüche schildern. Die Texte sollten nicht um jeden Preis ‚heile Welten‘ darstellen. Denn auch mit einer veränderten Haltung gegenüber der bei Erwachsenen in der Regel nicht mehr heilbaren Redefluss- Störung wird schließlich nicht unvermittelt alles bisherige durch sie bedingte Leid ungeschehen gemacht und das Leben mit einem Mal ausschließlich leicht. Die größte Herausforderung für viele unserer Autor_innen war offenbar genau das, nämlich in ihren Texten weder alle Probleme zu ignorieren, die ihr Leben mit dem Stottern geprägt hatten, noch umgekehrt und ungeachtet unserer Themenstellung schlicht bei dieser Problematik zu verharren, ohne positive Aspekte auch nur zu erwähnen oder wenigstens ernsthaft und nachdrücklich in Erwägung zu ziehen. In einem von Wolfgang Wendlandt und vier Patient_innen für diesen Band verfassten, aus mehreren Einzeltexten bestehenden Beitrag spricht Ersterer in einem kurzen Vorsatz eine Hürde an, die in der Zusammenarbeit zu überwinden war. Nach einer ersten „wenig ergiebig[en] Niederschrift“ habe er als Therapeut erst Raum schaffen müssen, um „Widerstände und Vorbehalte dem Thema gegenüber […] artikulieren und die unversöhnliche Sichtweise dem eigenen Stottern gegenüber“ ausdrücken zu können. Erst dann sei der „Schreibprozess“ fortgesetzt worden 6. In Form der zuvor genannten Herausforderung für unsere Autor_innen sind wir auf eine ähnliche Problematik gestoßen. Als Herausgeber haben wir daher mit unseren begrenzteren Möglichkeiten immer wieder einen vergleichbaren Prozess anzustoßen versucht. Ohne in irgendeiner Weise therapeutisch arbeiten zu können, haben wir doch unser Bestes getan, noch vorhandene „Widerstände und Vorbehalte dem Thema gegenüber“ abzubauen. Als Ergebnis liegen nun vierzehn Texte und vier Interviews vor, die die angesprochenen Hürden bewältigt haben.

Bei allen ihren Unterschieden kennzeichnen sie zugleich einige Gemeinsamkeiten. Geradezu eine Konstante stellt die in vielen Texten formulierte Auffassung dar, dass die Bewältigung der zahllosen Schwierigkeiten, die Stottern im Alltag erfordert, letztlich eine Stärkung bedeutet. In dieser Perspektive stellt Stottern eine Art ‚Krisentraining‘ dar. Flüssig sprechende Menschen müssten hingegen bestimmte ‚Muskeln‘, d.h. bestimmte Charaktereigenschaften und Fähigkeiten gar nicht erst so intensiv trainieren wie stotternde Menschen. An diesem Punkt wird besonders deutlich, was auch für andere noch zu erläuternde Punkte gilt: Gerade die negativen Aspekte des Stotterns scheinen ins Positive zu kippen, wenn sie erfolgreich in ein vom Stottern unabhängigeres, positiveres Selbstbild integriert werden können. So führt etwa die Neigung stotternder Menschen zur Zurückhaltung und Schweigsamkeit dazu, dass sie eine besondere Fähigkeit zum Zuhören entwickeln – so die mehrfach wiederkehrende Erfahrung unserer Autor_innen. Ihr eigenes Leiden an einer Behinderung und die daraus resultierende Isolation macht stotternde Menschen anscheinend auch besonders empfänglich für die Empfindungen von Menschen mit anderen Behinderungen und von anderen Außenseitern. Das ‚Unglück‘ des Stotterns fördert auf diese Weise die Fähigkeit zur Empathie. Daraus entsteht im besten Fall eine von großem Verständnis geprägte Solidarität. Eine andere mehrfach geäußerte Beobachtung besteht darin, dass Stottern eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber der gesprochenen und geschriebenen Sprache sowie einen Sinn für die Bedeutung guter, tiefer gehender und – gerade auch stotternd – gelingender Kommunikation fördert. Es zwinge außerdem dazu, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen – wohl nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Herausforderung, eine Behinderung und ein positives Selbstbild miteinander zu verbinden. Selbst seine Eigenschaft als ein in flüssige, reibungslose Abläufe nicht-integrierbares Element könne eine wünschenswerte Qualität des Stotterns darstellen: Es verlange und fördere Geduld sich selbst und anderen gegenüber ebenso wie die Akzeptanz des Unperfekten. In Bezug auf den Umgang mit anderen Menschen könne Stottern einerseits neue wertvolle Kontakte fördern – das scheint vor allem eine Erfahrung derjenigen Betroffenen zu sein, die sich in der Selbsthilfe engagieren. Andererseits könne es geradezu als eine Art ‚Lackmuspapier für menschliche Qualitäten‘ eingesetzt werden: Welche_r Gesprächspartner_in weiß mit einem Menschen umzugehen und ihn zu schätzen, obwohl diesen eine für die meisten anderen in den ersten Momenten des Kennenlernens irritierende Kommunikationsbeeinträchtigung kennzeichnet? Das zeigt sich für stotternde Menschen in der Regel bereits in den ersten Sekunden eines Gesprächs. Es sind diese und einige andere positive Aspekte, die in den Beiträgen dieses Buchs immer wieder zur Sprache kommen. Sie sind fast ausnahmslos von selbst stotternden Menschen verfasst, von denen einige zudem Fachleute in eigener Sache geworden sind bzw. diese zum Gegenstand ihres Berufs gemacht haben.

Hinweisen möchten wir einleitend noch auf einen letzten negativ-positiven Aspekt des Stotterns. Die unentwegte Konfrontation mit dieser angstbesetzten eigenen ‚Schwäche‘ erfordert ein großes Maß an Mut. Jeden Tag stellen sich stotternde Menschen zwangsläufig zahllose Male ihrer vielleicht größten Angst. Diesen besonderen Mut betonen viele unserer Autor_innen. Wir haben bereits angesprochen, dass ein solches, wenn auch von der eigenen Behinderung erzwungenes Verhalten die Charakterbildung stotternder Menschen positiv beeinflussen kann. Das legt einen Schluss nahe, den einer unserer Interviewpartner, der selbst betroffene Sprachtherapeut Thilo Müller pointiert formuliert hat: „Ihr seid viel stärker, als ihr denkt.“ – An dieser Stelle, Thilo, vielen Dank für den schönen Titel! – Betroffene, die es vermittelt durch diese Stärke schaffen, sich nicht in die Isolation zu begeben, bewahren sich die Chance zu erfahren, dass sie auch mit ihrer Beeinträchtigung beruflichen Erfolg, gesellschaftliche Akzeptanz, persönliche Zufriedenheit und Momente des Glücks erreichen können.

Als Letztes noch eins: Die hier versammelten Texte sind mindestens so unterschiedlich wie die Stottersymptomatik ihrer Verfasser_innen und ihre Umgangsweisen damit. Diese Verschiedenartigkeit betrifft auch ihren Ausdruck und Stil. Wir haben sie bewusst nicht einzuschränken versucht. Während wir Herausgeber uns z.B. nicht als ‚Stotterer‘ bezeichnen, weil dieser Ausdruck unseres Erachtens Betroffene nur in Hinsicht auf eine einzige ihrer vielen Eigenschaften charakterisiert, sie dadurch übermäßig betont und die Betroffenen darauf zu reduzieren droht, bereitet anderen dieser Begriff keine Schwierigkeiten. Das haben wir ebenso unverändert gelassen wie die verschiedenen Arten und Weisen zu ‚gendern‘ bzw. es nicht zu tun, also entweder ausschließlich in der männlichen Form auch von Frauen und anderen Geschlechtsidentitäten zu sprechen oder aber andere sprachliche Wege zu wählen, die die tatsächliche Vielfalt ausdrücken.

Unseren Leser_innen wünschen wir eingedenk dieser verschiedenen Stile eine interessante, unterhaltende und vor allem stärkende Lektüre.


1 Wolfgang Wendlandt: Stottern im Erwachsenenalter. Grundlagenwissen und Handlungshilfen für die Therapie und Selbsthilfe. Stuttgart: Thieme 2009. S. 2.

2 Ulrich Natke: Stottern. Erkenntnisse, Theorien, Behandlungsmethoden. 2., vollständig überarbeitete und ergänzte Aufl. Bern: Huber 2005. S. 22f.

3 Charles Van Riper: Die Behandlung des Stotterns. 4. Aufl. Köln: Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe 2002.

4 Vgl. die Definition des Stotterns auf der Internetseite der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe: https://www.bvss.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1&Itemid=18 (zuletzt geprüft am 21.08.2018).

5 Deutliche Spuren hinterlassen solche und verwandte Vorurteile in der Darstellung stotternder Menschen innerhalb verschiedener Medien, etwa des unterhaltenden Films oder der erzählenden Literatur. Vgl. dazu Jürgen Benecken: Wenn die Grazie mißlingt. Stottern und stotternde Menschen im Spiegel der Medien. Köln: Demosthenes 1996.

6 Vgl. den Beitrag von Wendlandt et al. in diesem Band.


Herausgeber

Tobias Haase: Dipl.-Biochemiker; stottert seit früher Kindheit; seit 2010 in der Stotterer-Selbsthilfe aktiv, Gründung der SHG Magdeburg 2011, Vorstandsmitglied Stottern & Selbsthilfe Landesverband Ost e.V. 2012 – 2018, zwischenzeitlich für 15 Monate in der Geschäftsstelle der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe in Köln tätig; seit 2018 Mitarbeiter in der Berliner Beratungsstelle „SPRECHRAUM. Beratung bei Stottern und anderen Kommunikationsbeeinträchtigungen – von und für Betroffene“.

Filippo Smerilli: habilitierter Literaturwissenschaftler; stottert seit seinem dritten Lebensjahr; seit 2015 in der Berliner Selbsthilfe Stottern und im Stottern & Selbsthilfe Landesverband Ost aktiv; Erfahrungen als Zeitschriftenredakteur und Herausgeber, schreibt literarisch, journalistisch und wissenschaftlich; seit 2018 Mitarbeiter in der Berliner Beratungsstelle „SPRECHRAUM. Beratung bei Stottern und anderen Kommunikationsbeeinträchtigungen – von und für Betroffene“.


Rezensionen und Meinungen

aus: forum:logopädie, Heft 1 - 2020, 34. Jahrgang
Zeitschrift des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie e.V. (dbl)

... Allein schon die unterschiedlichen Erfahrungen und Einstellungen der AutorInnen und Interviewpartner zu ihrem Stottern sind schon lesenswert, wenn man wie ich nicht in der Selbsthilfeszene aktiv ist und kaum andere Stotterer kennt. Und mit jeder Seite wurde mir deutlicher: Ja, Stottern kann durchaus positive Aspekte für das eigene Leben haben. Es macht sensibler für sich und andere. Es bietet Herausforderungen, an denen man wachsen kann. Es setzt Hürden, die sich überwinden lassen.
Das gilt allerdings nicht nur für Stottern, sondern auch für andere Einschränkungen. In dem nach wie vor lesenswerten Buch „Flow“ von Mihaly Csikszentmihalyi. Finden sich eindrückliche Beispiele dafür, wie Menschen ihre Schwäche zur Stärke gemacht oder durch Schicksalsschläge zu ihrer Berufung gefunden haben.
Von daher empfehle ich den vorliegenden Band nicht nur Stottertherapeuten und Stotternden, sondern allen LeserInnen zur Lektüre. Sie kann dazu beitragen, sich selbst und seinen PatientInnen mit mehr Verständnis und Ermutigung zu begegnen.

Michael Wilhelm, Vögelsen

aus: Der Kieselstein, Heft 3, August 2019

„Das Positive am Stottern?! Was soll das sein? Es erscheint absurd. Was soll positiv sein an diesem Unvermögen, flüssig zu sprechen, das so viel Leid, Scham und Ohnmacht bringt, das Verunsicherung, Hilflosigkeit und Rückzug in das Leben der meisten Stotternden und, ich möchte auch sagen, vieler Angehöriger bringt? Jede und jeder Betroffene wünscht sich in der Regel nichts sehnlicher, als das Stottern loszuwerden.“ Mit dieser Feststellung beginnt Marion Stelter ihren Beitrag zu dem Buch „Ihr seid viel stärker als ihr denkt“ und bringt damit die paradoxe Aufgabe des Buches auf den Punkt. Neben ihr haben sich 17 weitere Autorinnen und Autoren der Aufgabe gestellt, Texte zu positiven Aspekten des Stotterns zu schreiben.
Was erwartet man von so einem Buch? Bevor ich es bekommen habe, war meine Erwartung, dass da vermutlich einige ältere und verrentete Stotternde, die keinen stressigen Sprechsituationen mehr ausgesetzt sind, großzügig über ihr Leben als Stotternde philosophieren und dass sie das alles ja doch irgendwie gut bewältigt haben. Beim Blick auf die Autorenliste kommt dann gleich die erste positive Überraschung: Fast alle stehen mitten im sprechenden Leben, sie sind eher jünger als älter und es geht altersmäßig herunter bis zu einer 19-Jährigen, die gerade ein FSJ absolviert.
Vom Aufbau her knüpft das Buch an bewährte und erfolgreiche Vorbilder an und lässt auf 135 Seiten 18 Autorinnen und Autoren zu Wort kommen. Die haben viel zu erzählen und es gibt in der Tat viele positive Erkenntnisse - auch für mich, der ich mit meinen 64 Jahren und langer Zeit in der Selbsthilfe schon einiges mitgemacht habe. Die Autoren machen es sich dabei nicht leicht, sondern gehen überwiegend kritisch an die Sache heran. So fragen sich einige durchaus, ob man sich mit Erfolgsgeschichten und positiver Betrachtung des Stotterns nicht etwas vormacht. Ob man sich nicht nur einredet, dass alle Menschen ein Handicap mit sich herumtragen, dass man durch die Auseinandersetzung mit seinem Stottern etwa sensibler für andere oder sonstwie ein besserer Mensch geworden ist, dass aber das Stottern sich letztens Endes doch immer wieder „Scheiße“ anfühlt, wie ein Autor es drastisch formuliert. Es gibt aber auch die anderen Extreme: Einer der Autoren „liebt sein Stottern beinah“, weil er ohne es nicht der wäre, als der er sich heute schätzt. Und wieder ein anderer würde sich wünschen, wieder Stotternder zu sein, wenn er sich ein zweites Leben wünschen könnte. Mir persönlich sind solche überbordend positive Sichtweisen suspekt; ich jedenfalls fühle mich wie befreit, wenn ich so wie seit etlichen Wochen eine sehr gute Stotterphase (bzw. Nichtstotterphase) habe und wirklich jede Gesprächsituation ohne Gedanken an das Stottern fröhlich, spontan und symptomarm angehen kann.
Aber zwischen diesen beiden Extremen gibt es in diesem Buch eine ganze Menge Positives am Stottern zu entdecken. Glanzstück des Buches ist für mich fraglos der Beitrag von Ulrike Felsing, ironischerweise der einzigen nicht stotternden Autorin. Als Logopädin, Stottertherapeutin und Systemische Therapeutin hat sie es sich zum Ziel gesetzt, Stotternden „einen gelösteren Umgang mit der Stottersymptomatik“ zu vermitteln und „die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen wahrzunehmen.“ Dazu hat sie in dem Buch ein sog. „Perspektivwechsel-Interview“ abdrucken lassen. Als Leser wird man dabei aufgefordert, durch die Beantwortung von persönlichen Fragen aktiv die eigenen Kompetenzen, Stärken und Fähigkeiten zu benennen, sich der Unterstützer und der erlebten Freude bewusst zu werden und vieles andere mehr. An dieser Stelle habe ich sehr schnell meine Rolle als Rezensent verlassen und mir diese Fragen selbst gestellt. Gerade dass man aktiv selbst herausgefordert wird und nicht „nur“ liest, was andere so denken, macht diesen Beitrag an dem Buch so besonders wertvoll. Aus meiner Sicht ist dieses Selbst-Interview ein absoluter Gewinn für jeden Stotternden und Garant für erkenntnisreiche Abende in Selbsthilfegruppen.
Fazit:
„Ihr seid viel stärker als ihr denkt“ ist sicher kein Buch für Stotternde ganz am Anfang einer Auseinandersetzung mit ihrem Stottern. Positiv über das Stottern zu denken, würde diese sicher überfordern. Das Buch setzt schon voraus, dass man sich mit seinem Stottern intensiv auseinandergesetzt und es zumindest leidlich akzeptiert hat.
Wenn man das allerdings geschafft hat, dann ist dieses Buch eine große Hilfe darin, sich „nicht immer nur mit den leidvollen Assoziationen zum eigenen Stottern zu beschäftigen, sondern weiter eine versöhnliche Haltung ihm gegenüber zu finden. Es ist erstaunlich, was dann passieren kann: Zuversicht und Lebenszufriedenheit wachsen, und ein neuer Elan für die Zukunft entsteht.“ (aus dem Beitrag von Wolfgang Wendlandt).
Dem ist wenig hinzuzufügen. Und der Beitrag von Ulrike Felsing wäre das Buch alleine wert.

Volker Zimmermann

aus: Der Kieselstein, Heft 3, August 2019

... Das Buch setzt schon voraus, dass man sich mit seinem Stottern intensiv auseinandergesetzt und es zumindest leidlich akzeptiert hat. Wenn man das allerdings geschafft hat, dann ist dieses Buch eine große Hilfe darin, sich „nicht immer nur mit den leidvollen Assoziationen zum eigenen Stottern zu beschäftigen, sondern weiter eine versöhnliche Haltung ihm gegenüber zu finden. Es ist erstaunlich, was dann passieren kann: Zuversicht und Lebenszufriedenheit wachsen, und ein neuer Elan für die Zukunft entsteht.“ (aus dem Beitrag von Wolfgang Wendlandt).
Dem ist wenig hinzuzufügen. Und der Beitrag von Ulrike Felsing wäre das Buch alleine wert.

Volker Zimmermann

… Ich hoffe, dass ich mit diesen Texten vielen meiner Patienten helfen kann, ihr Stottern anders zu sehen.

Petra Teichert, Logopädin