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Frank Witzel: Rock, Rinder und die Posaunen der Poesie

19,00 €

inkl. MwSt., zzgl. Versand

Beschreibung

Frank Witzel

Rock, Rinder und die Posaunen der Poesie

Roman

Manuela-Kinzel-Verlag, 2014, 498 Seiten

Preis: 19,00 € | Preise inkl. MwSt. zzgl. Versandkosten

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ISBN 978-3-95544-009-1

Im Roman 'Rock, Rinder und die Posaunen der Poesie' erinnert sich der Feuilletonredakteur Friedrich an die Zeit, als er als Neunzehnjähriger Anfang der achtziger Jahre seine alle bisherigen Kategorien sprengende, große Liebe Lena kennengelernt hat. In einer bilderreichen, anarchisch-wilden Sprache schildert er den Dauerrausch ihrer Verliebtheit. Darüber hinaus schreibt er über sein geborgenes und abenteuerliches, aber auch spannungsreiches Leben auf dem Land in Hessen. Im Fokus stehen dabei die Erlebnisse Friedrichs mit seinen Freunden Herbert, Norbert, Kunz und Holger und ihre Verwandlung von braven Schülern zu poetischen, obsessiv nach dem Sinn des Lebens suchenden und subversiven Landhippies, die ungebärdig gegen fast alles und jeden aus der Erwachsenenwelt revoltieren. Eine wichtige Rolle dabei spielt die seelische Befreiung und die Anstiftung zum intensiven Leben durch die Rock- und Folkmusik der Gegenkultur. Auch die Freiheit und Respektlosigkeit der Literatur, der Kunst (Vincent van Gogh) und der modernen Theologie wie auch der Philosophie haben Friedrich und seinen Freunden den Mut zum Protest gegen das erstarrte Bestehende gegeben und sie zu einem freien Leben im Einklang mit ihrer Persönlichkeit und also zu einem ungestüm-poetischen Leben inspiriert.


Leseprobe

Dann sprachen wir über Herberts Auftritt, aber nicht lange, weil wir uns ja schon über Herberts und meinen Auftritt bereits im Pablo-Neruda-Café unterhalten hatten, zwei Bienen, die sich auf die Blüte dieses Themas setzten, aber bald weiterflogen. Ich sagte, dass ich den Eindruck gehabt habe, dass er auf dem Schulfest noch besser gewesen sei als bei der Veranstaltung im Pablo-Neruda-Café, weil er schon ein bisschen mehr Routine haben würde, seien doch die drei Songs die gleichen, die er auch dort gespielt habe und gerade die Songs habe er noch souveräner gespielt und auch noch inniger, poetischer, vielleicht, und das sagte ich lachend, weil auf dem Schulfest noch mehr Mädels gewesen seien, die er beeindrucken wollte. So, so, sagte Lena etwas lehrerinnenhaft und dann überraschte sie mich so, als würde ich im Hermannsdorfer Freibad einen Delphin in die Luft springen und schwimmen sehen, so als würde aus dem Kappel-Berg, den man von Bullburg als Grenze des Blickes nach Osten sehen konnte, über Nacht der K2 geworden sein, so dass man vor Schreck und vor Staunen und vor wilder Freude umgefallen wäre, ja es war so, als würde an einem Frühlings-Mittag die Sonne plötzlich einen Sonnengesang anstimmen und dabei Sonnengitarre spielen, blendend, suggestiv, ekstatisch und alle Seelen und Geister berührend und durchdringend bis ins kleinste Atom, mit dem – dem Sonnengesang – sie die Menschen davon überzeugen würde, dass wir alle Kinder des liebenden unendlichen Vaters oder der unendlichen Mutter wären und wir nichts anderes im Leben zu tun hätten, als Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst: „Und wen wolltest du bei deinem Auftritt beeindrucken?“ – „Äh“, ... Pause der Schüchternheit, „dich natürlich“, sagte ich und ehe ich mich versah, hatte sie mich umarmt und wir küssten uns, gefühlt ein Jahrtausend, objektiv vielleicht so lange wie zwei langsam gerauchte Zigaretten. So selig überrascht war ich selten in meinem Leben, wahrscheinlich noch nie gewesen. Wir ritten die Rausch-Tänze dichtenden Tiger des Begehrens und der Liebe, lagen in einem Glockenblumen-Boot, das „Lucy in the Sky“ in einer Hymne pries, in einem Ozean gelber Schwertlilien und aßen das feurige Chili des Glückrausches, wir Kuss-Delphine schwammen und sprangen an einem schönen Tag in der Südsee der Freude, sprangen auf der Weide des Glücks wie die Rinder am ersten Weidetag nach dem Winter, das, wonach ich mich schon gesehnt hatte, seit ich für Krimhild und die zehn Jahre ältere blonde Nachbarin Helga aus Bullburg geschwärmt hatte, war endlich wahr geworden. Nicht als ein weiblicher Messias erlebte ich sie, aber doch so, als ob jetzt eine Ära anbräche, in der alles, was ich vom Leben zu träumen gewagt hatte, Wirklichkeit geworden war, eine spirituelle, Körper-Seele und Geist umfassende Glückseligkeit, nun, da ich von ihr schon das größte seelisch-geistige Verständnis erfahren hatte, das sich damals für mich denken und fühlen ließ, wobei ein Anteil, den ich damals naturgemäß nicht durchschaute, eine gigantische, Himalayas auftürmende Projektion war, sie, die für mich einen christlichen Glauben verkörperte, der Sinnlichkeit nicht verhindert, sondern in den Stand eines zu preisenden Gottesgeschenks erhob, sie, die meine tiefsten seelischen Regungen zu kennen schien, seien es nun prügelnde Schwarz-Keller der Verzweiflung oder die Spiegeleier der Freude bratenden Stoppelfelder des Spätsommers, dass sie unbeschwerte und überbordende Freude kannte, so ähnlich wie ich sie erlebte, wenn ich als kleiner Junge im Hochsommer einmal nach Hermannsdorf ins Schwimmbad durfte oder die ich viel öfter noch erlebte, wenn ich in das kleine Betonschwimmbad bei meinem Onkel Justus gehen durfte oder die überbordende Freude auf Partys, wenn man abrockte und in die Sphäre der Bisons über die Prärie donnernden und die Luft anzündenden Ekstase erlebte, dass sie diese unbeschwerte und überbordende Freude kannte, hielt ich für ausgemacht, sie, die Alles-Versteherin, die die heiligsten Sachen mit mir teilte, den christlichen Glauben, die Liebe zur Literatur und zur Kunst, die Essenz meines Lebens, die Luftballons mit surrealistischen Gedichten beschreibende Sonne meines Lebens, den Sommer und die Farben meines Lebens mit mir teilte, nun, da ich das alles bereits erlebt und auf sie projiziert hatte, küssten wir uns, nicht zu fassen war das für mich und doch war es wahr, die E-Gitarren gischtenden roten Rosen der Liebe rotierten.
Ob ich das nun alles während des Küssens dachte oder, als ich allein von Tamaras zu Norberts Elternhaus wallfahrtete oder als ich allein im Gästebett von Norberts Eltern oder am nächsten Tag oder den darauf folgenden fühlte und dachte, weiß ich nicht mehr. Natürlich sagte ich ihr, nachdem wir uns voneinander gelöst hatten, dass ich sie liebe und dass ich mich wie im Paradies fühle und auch sie sagte, sie sei sehr, sehr glücklich, dass wir uns gefunden hätten. Dass ich sehr überrascht sei und mich riesig darüber freute, dass alles so schnell gegangen sei, sagte ich ihr. Die letzten Wochen seien so märchenhaft voller Glück gewesen, dass ich an das so baldige Umarmen und Küssen gar nicht zu denken gewagt hätte. So über alle Maßen wunderbar seien die letzten Tage und Wochen für mich gewesen und aus diesem Grund hätte ich mich nicht getraut, das alle Grenzen sprengende Wunderbare, dieses Schönste, was es für mich gäbe, sie zu küssen und dass sie meine Freundin werden würde, als so bald wirklich werdend zu denken. Erwartet hätte ich, dass wir noch ein paar Wochen Gespräche führen würden und es, so meine große Hoffnung, dann, wenn alles gut gehen würde, zum so sehr Gewünschten, aus tiefsten Herzen Erträumtem kommen würde, dass ich sie nämlich umarmen und küssen würde. Lena meinte, warum ich das gedacht habe, ob ich denn nicht gemerkt hätte, dass sie mich sehr mögen würde und in mich verliebt sei. Gemerkt ja, aber ich unläubiger Thomas hätte dieses Wunder eben kaum für möglich gehalten. Dann fing ich auf einmal, weil ich so aufgedreht und aufgeregt war, wild an zu analysieren – wozu jetzt eigentlich nicht der richtige Zeitpunkt war –, dass das Nicht-für-Möglich-Halten des so sehr Gewünschten, des sich die Liebe Gestehens und des Küssens, … und mitten in diesem Gedanken kam ich mir dann doch so albern vor, dass ich sie küsste und wieder küssten wir uns mindestens zwei Zigaretten lang, saßen bei angenehmsten Temperaturen auf dem Everest des Glücks, flogen wir auf roten Mohn-Adlern des wildens Begehrens durch die Welt. Ich hätte doch etwas sagen wollen, sagte sie augenzwinkernd, aber dann sei mir ja etwas noch Wichtigeres dazwischengekommen, wenn ich also wolle, könne ich ihr aber jetzt durchaus sagen, was ich ihr denn vorhin habe sagen wollen. Und so wendete ich mich wieder dem Gedanken zu, den ich ihr vor dem Sonnen surfenden Küssen hatte mitteilen wollen, nämlich dass ich das so baldige Eintreten des so sehr Gewünschten mich nicht getraut hätte zu hoffen, weil sich tief in mir drin die Erfahrung eingebrannt hätte, dass jemand aus den frommen Kreisen nicht so herrlich direkt und offensiv sein könne, wie sie es eben zum Glück und zu meiner Seligkeit sei, obgleich mir natürlich klar sei, dass sie völlig anders denken würde als die Herta-Fippel-Frommen, sei es doch gerade das an ihr, was mich neben ihrer umwerfenden Schönheit am meisten an ihr faszinieren würde, ihr frommer und ihr freier und für die Schönheiten der Welt offener und diese bejahender und begrüßender Geist.


Autor

Frank Helmut Witzel ist 1962 in Bad Hersfeld geboren und auf einem Bauernhof in Haunetal/Stärklos aufgewachsen. Er ist verheiratet mit Iris Dewald und hat in Saarbrücken und Göttingen Germanistik, Theologie und Philosophie studiert. An der Georg-August-Universität Göttingen hat er über Heinrich Böll und Sören Kierkegaard promoviert ('Die Dame im Gruppenbild als christlicher Gegenentwurf zum repressiv-asketischen Traditionsstrang des Christentums'). Er arbeitet als Internet-Redakteur in der Pressestelle der Göttinger Universität. Vor Beginn der Arbeit an seinem Roman 'Rock, Rinder und die Posaunen der Poesie' hat er für das Feuilleton des Göttinger Tageblattes Literaturkritiken geschrieben.


Rezensionen und Meinungen

aus: Der Kieselstein, Heft 3, 2014

Wie kann man die deutsche Gesellschaft charakterisieren? fragte sich Mitte der 80er Jahre der Zukunftsforscher Matthias Horx. Zur Bestandsaufnahme reiste er kreuz und quer durch die Republik. Die Kleinstadt Bebra, geographisch in der Mitte Deutschlands im osthessischen Zonenrandgebiet gelegen, war seine Endstation.
Einfache Häuser, von Umgehungsstraßen und Zuckerrübenfeldern umrandet, signalisierten ihm Tristesse, die Abwesenheit jeglicher Kultur. Bebra, schrieb er, sieht genauso aus wie viele andere Städte: gesichtslos und nichts Besonderes. Ein Horror der Leere. Horx ließ für die grauenhafte Baumarkt- Einöde den Stilbegriff „Bebraistik“ zirkulieren. Auf Großstadtpartys, wo die politisch Resignierten nach neuen gesellschaftskritischen Ansätzen Ausschau halten, kam der Begriff gut an.
Aber stimmt das? Charakterisiert nicht die pauschal empfundene Leere eher das metaphysische Elend des Intellektuellen, sein „Warten auf Godot“? Wenn man dem kürzlich erschienenen 500-Seiten-Roman „Rock, Rinder und die Posaunen der Poesie“ von Frank H. Witzel Glauben schenken darf, dann war das osthessische Landleben Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre alles andere als langweilig, ganz im Gegenteil, es zeugt von Aufbegehren, Lebenslust und überbordender Gefühlsintensität. Dort ging emotional weit mehr ab als die großstädtischen Dauernörgler verächtlich diagnostizierten.
Friedrich, der Held in Witzels Roman, ist etwa 50 Jahre alt und Feuilleton-Redakteur bei einem osthessischen Provinzblatt. Sein Chef hat ihn dazu verdammt, kümmerlichste Provinzereignisse hochzuloben, denn die Zeitungsleser dort interessiert nur der Lokalteil. Was ist nur aus mir geworden? fragt Friedrich sich. Ein alter Sack, dem wertvolle Lebenszeit „wegschlabbert“ wird. Also muss ich einen Roman schreiben, um die abenteuerliche Geschichte meiner Jugend in der osthessischen Provinz vor dem Untergang zu bewahren.
Friedrich erzählt von Friedrich, dass er aus Bullburg stammt und auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen ist, den sein Vater und sein Onkel gemeinsam betreiben. Die beiden führen sich auf wie pietistische Zuchtmeister einer über Jahrhunderte geprägten Arbeitsmoral und vernichten jegliche aufkeimende Lebenslust in ihrer „Seelenschreddermaschine“. Besonders sein Onkel Ottfried, vermutlich auch noch Weltkrieg-IITraumatisierter, brüllt wie auf dem Kasernenhof jeden an, der vom schmalen Grat der Tugend abweicht. Friedrich, sein bevorzugtes Opfer, bekennt, dass er unter seinen durchbohrenden Stechblicken zu Kreuze gekrochen sei, lammfromm, eingeschüchtert und kleinmütig wie ein Arbeitsesel. Seelisch beschädigt laufe seine Nase seitdem schamhaft, auf kleinste Seelenerschütterungen reagierend, ritterspornblau an.
Doch letztendlich hat der Onkel die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn Friedrichs Seele ist keineswegs erloschen, ganz im Gegenteil. Um sich nicht unterkriegen zu lassen, liest er alles, was ihm in die Finger kommt. Nach der Lektüre von Karl May fühlt er sich wie der schlagkräftige, gebildete und gerechte Old Shatterhand. Diese Rolle übernimmt er immer bei den Abenteuerspielen mit seinen Freunden. Seine bedrohte, verletzte, ausgehöhlte Seele verschlingt mit den Jahren ganze Regalreihen Bücher, erlebt in ihnen Eichendorffs Fluchtphantasien, Rimbauds grenzenlose Lyrik ausschweifender Sinne, den Freiheitsdrang in Hermann Hesses Romanen. Friedrich versäumt keinen Film im virtuellen Dorfkino, im damaligen öffentlich rechtlichen Fernsehen also. Er bewundert Leinwaldhelden wie Kirk Douglas, der als Vincent van Gogh ein tragisches Leben in Leidenschaft führt oder empört sich nach die „Die Verdammten der Meere“ über die Ungerechtigkeit der Welt, die vor Stotterern wie dem Matrosen Billy Budd kein Halt macht. Woche für Woche verknallt er sich in die aktuell vorbeiflimmernden Hollywood-Schönheiten. Schallplatten drehen sich Tag und Nacht. Näselnde Folkmusiker schmeicheln sich melancholisch in sein Ohr, harte Rockmusik stählt seine Gefühle seines Aufbegehrens. Statt sich sinnlos am seelentötenden „Vulkan-Onkel“ aufzureiben, betäubt er sich lieber mit „Trakl-Joints“ und gammelt, besoffen von wuchtigen E-Gitarrenklängen, in „Taugenichts- Poesie-Hängematten“.
Dreißig Jahre später, erglüht von den alten subversiven Botschaften der Kulturindustrie, thront Friedrich auf seinem „Schreibmähdrescher“, wo ihn „die Löwen der Erinnerung anspringen und die Wölfe der Intensität hetzen“. Unter seinen Tasten verwandelt sich Bullburg in ein romantisches Utopia. Da warten die reifen Weizenfelder nicht einfach nur auf ihre Rasur, sondern sie fühlen sich an wie glückswogende Hawai-Surf-Wellen, in denen „goldene E-Gitarren gischten“. Gemeinsam mit Neil Young reitet er „auf schwarzen Donnerschlägen gegen die Ödnis, die Düsternis und die Ungerechtigkeit des Bestehenden. Die Indianer retteten wir und die Mädchen unserer Sehnsucht küssten wir … und schliefen mit ihnen, Lust-Sonnen schreiender Everest allen Erlebens.“ Selbst Frauke, seine reale Kusine, erscheint ihm wie eine dieser „Mega-Reinknall-Figuren, die kurvenreiche Hokaido-Kürbis-busige, barocke, Sophia-Loren-mäßige.“ Wie einst Don Quichote von Ritterromanen trunken in die eingebildete Schlacht reitet, rockt Friedrich als Poesie-Guerillero durch ‚Bullenburg’. Jetzt hat sein seelenzerfressender Brüll-Onkel nichts mehr zu lachen. Von wegen „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“! Mit seiner lyrisch durchgeladenen Wort-Pump-Gun rockt er den Gralshüter der Fronarbeit solange, bis dieser mundtot in den Dorf-Staub sinkt. Kein Wort ist ihm zuviel, wenn er das Dorfmädel Lena, seine angebetete Dulcinea, in die er total verknallt ist, mit seitenlangen Worttürmen umschwärmt. Ihre lockige braune, lange, Haarpracht preist er als tiefen, wilden, unergründlichern Urwald, dessen Schwermut ihn in dunkle Gefühlstiefen zieht, um dann wieder als lichtsatter blühender Ginsterstrauch seine Seele in den Palast der Freude zu schießen. Dann besänftigen ihn ihre blaugrauen Augen wie „utopische Ozeane, die das Fressen und Gefressenwerden dieser Welt nicht kannten“. Die Vereinigung der Liebenden lässt lange auf sich warten. Schier unendlich tobt sich der wiedererglühte Friedrich in der Poesie der Vorlust aus, bis endlich der seitenlange Jauchzer kommt.
Mit unglaublicher Sprachphantasie lässt Witzel seinen Friedrich von der Leine, erzählt von dessen Erlebnissen mit Freunden, ihrer Verwandlung von braven Schülern zu poetischen, obsessiv sinnsuchenden oder subversiven Landhippies, die gegen alles revoltieren. Friedrich selbst wird zum Anstifter eines intensivierten Lebensgefühls durch respektlosen Umgang mit Literatur und Kunst, denen er hemmungslos alles entlehnt, was zur Befreiung dienen kann. Vor allem deren Sprache.
Ich kann mich nicht erinnern, einen Roman gelesen zu haben, in dem der Autor dermaßen lustvoll, ohne Selbstbeschränkung, naiv begeistert, seine nüchtern-harte, erstickende Lebenswelt mit zum Glücksgefühl treibenden Sprachbildern überflutet hat. An Stelle des zwanghaften „Man“, das zur Arbeitspflicht ruft, setzt Witzel das „Wie“, die sehnsuchtssteigernde Assoziation. So wird aus dem Wirtschaftsobjekt Weizenfeld, das man zum Stoppelfeld niedermäht, ein goldenes Gefühlsmeer, über das sich ein Kornblumenhimmel wölbt, „wie“ von van Gogh gemalt.
Bleibt zu erwähnen, dass Frank Witzel, der eigentliche Autor des Romans, Stotterer ist. Wenn man in der Ohnmacht aufwächst, dass es einem jederzeit die Sprache verschlagen kann, macht man nicht selten die Erfahrung eines Glücksmoments, das in der Selbstverständlichkeit gewöhnlichen Sprechens leicht verloren geht. Der innere Sprachstau erzeugt eine Seelenverdichtung, die Frank Witzel als lyrischen Posaunenton intensiv hört und von dem er geradezu besessen ist. Endlich hat uns einer erzählt, wie die innere Bilderwelt helfen kann, gegen die mächtige, seelenzermahlende Normalität einen inneren Widerstand aufzubauen. Mit seinem Roman hat Witzel das Euphoriesystem seiner Jugendschwärmerei herübergerettet, seine Waffe, die schauderhaften Schlachtfelder der Realität umzufärben. Das zu lesen macht weit mehr Freude, als die Leier von der ländlichen ‚Bebraistik’ zu ertragen.

Henning Burk, Frankfurt


Presseartikel und weitere Rezensionen

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