Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit


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Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit

Artikel-Nr.: 040-3
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Friedrich Christian Delius

Die Zukunft der Schönheit

Erzählung

Rowohlt Berlin, Berlin 2018, 92 Seiten

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ISBN 978-3-7371-0040-3


Am 1. Mai 1966 gerät ein junger Deutscher aus der hessischen Provinz in einen New Yorker Jazzclub. Was der Saxofonist Albert Ayler da mit seiner Band auf die Bühne bringt, ist die unerhörteste Musik jener Zeit: wildester Free Jazz. Nach und nach beginnt der junge Mann, aus diesem Inferno an Tönen und Klängen das ganze Durcheinander der Gegenwart herauszuhören – den Mord an Kennedy, die Barbarei des Vietnamkriegs, den Kampf der Schwarzen, die Auschwitzprozesse, die Studentenproteste. Je mehr er sich einlässt auf die ekstatische Musik, desto näher kommt der angehende Dichter sich selbst, bis zum verdrängten Schmerz eines Vaterkonflikts. Diese Musik voller Wachheit und Wut lässt ihn körperlich fühlen, wie Zerstören und Zersetzen der Beginn alles Schönen sein kann.

Alle sieben Sprachen des Schweigens waren mir vertraut …»
Während die energetische Musik von Aylers Jam-Session den Besucher aus dem fernen Westberlin von einem akustischen Schock in den nächsten stürzt, setzen sich in seinem Kopf Bilder in Bewegung. Bilder vom Mord an Präsident John F. Kennedy in Dallas («weil es auch mein Kennedy war»); vom Body Count in den «Schlachtfeldern und Schlachtwäldern und Schlachtsümpfe» von Vietnam («Aylers Saxofon schrie gegen den Krieg»); von der Demo am Berliner Amerika-Haus, den eigenen frühen Schreiberfahrungen, dem Gedicht «Letzte Meldung», das es bis ins Radio brachte (und ihm, dem literarischen Novizen aus dem nordhessischen Korbach, 50 Mark).

Bilder von der angespannten Beziehung zum Vater, einem prinzipienstrengen evangelischen Pfarrer, von der poesiebefeuerten ersten großen Liebe – und dem Erschrecken über den Apotheker in seinem Städtchen, mit dessen Tochter er im Tanzkursus Foxtrott und Rumba eingeübt hatte – jenem Mann, der Eichmanns Stellvertreter in Budapest gewesen war. «Auch ich hatte das nicht glauben wollen, wie konnte ein freundlicher Schlipsträger, ein Rasierwasserverkäufer ein Massenmörder sein, auch ich wollte mir nicht vorstellen, dass ein Drogist und ein hoher SS-Mann, Mitorganisator des Judenmords, eine Person sein sollten …»

Je später der Abend, umso inniger harmoniert das Klanggewitter auf der Bühne von Slug's Saloon mit dem Gefühl des 23-jährigen Schriftstellers, einem Akt der inneren und äußeren Befreiung beizuwohnen. «Die Töne brechen auf, die Zeiten auch … Ayler und seinen Männern war ich dankbar, sie hatten mich eingebürgert in die Vereinigten Staaten der Poesie und der Bomben, der Freiheit und der Todesschüsse, der Ekstase, des Anpackens, des Vorwärtsschauens und der Geschwindigkeiten, der Gastfreundlichkeit und der Offenheit –»

Bleibt die Frage, was es mit dem Titel dieser literarischen Selbstbefragung des Büchner-Preisträgers auf sich hat – Die Zukunft der Schönheit. 1966 hatte der italienische Filmregisseur und Dichter Pier Paolo Pasolini bei einem Vortrag in der Berliner Kongresshalle die Begriffe futuro und bellazza verwendet. Auch wenn nicht gesichert ist, ob der Übersetzer tatsächlich die «Zukunft der Schönheit» beschworen hatte – dieses Wortpaar, diese Idee hörte sich einfach zu verführerisch an! «Alles ist gut, vielleicht sogar schön. Das könnte sie sein, die Zukunft der Schönheit, die nichts beschönigt, die den Dreck nicht verdrängt, nicht flieht vor dem Schrecklichen und Lügen nicht verkleistert, die Sehnsucht nach den Geheimnissen der Form –»

www.fcdelius.de/buecher/buch_die_zukunft_der_schoenheit.html

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